von Susanne Prinz, 2016

Eine überraschende Anzahl von KünstlerInnen hat in der Vergangenheit mit Kunststoff gearbeitet. Zugegeben, waren darunter eine ganze Reihe von unsystematischen, einmaligen, und besonders im Zusammenhang mit Folien auch teilweise bizarre Sonderauftritte. Dennoch erscheint das industriell vorgefertigte Material seit Jahrzehnten so regelmäßig in der zeitgenössischen Kunst, dass es mittlerweile nicht nur für Skulpturen sondern auch bei Bildern zu den klassischen Materialien gerechnet werden muss. Tatsächlich war es lange in der Lage, alles, was es berührt zu modernisieren. Mittlerweile ist Kunststoff in der Kunst allerdings durchaus ambivalent. Heute ist er ein Werkstoff, der zugleich rückwärts und vorwärts zu weisen scheint. Schließlich hat er seine mit naiven Optimismus gefeierte Neuwertigkeit längst eingebüßt, während ihn andererseits die bemerkenswerte Eigenschaft, nicht fassbar, irgendwo zwischen der 3-dimensionalen Ding- und der 2-dimensionalen Bildwelt angesiedelt zu sein, auch aktuell außergewöhnlich interessant macht.

Es liegt nahe, hier das spezifische Interesse Michaela Zimmers zu vermuten, denn ihre Arbeiten sind schon immer Versuche, verschiedene Möglichkeiten des Nachdenkens Über das Verhältnis des Raum, in dem wir uns bewegen, und dem Bild, das wir uns von ihm machen, zu untersuchen. Vorrangig argumentieren ihre Bilder dazu mit dem Körper. Das ist zunächst nicht unbedingt sichtbar, aber durchaus spürbar, denn Format und Binnenstruktur der Leinwände beruhen auf Größe und Reichweite der Künstlerin. Damit ist ein performativer Raum beschrieben, der, da er wie Le Corbusiers Modulor den menschlichen Körper als Maßstab nimmt, unmittelbar mit jedem Betrachter korrespondiert. Lässt man sich darauf ein, kommt es nicht nur zur Verschmelzung von Bild- und Realraum, auch Bildträger und Bild werden eins. Denn mangels fester Lichtquelle im Bild kollabiert die Distanz, die den Betrachter vom Ort der optischen Erfahrung trennt. Stattdessen gibt es eine unendliche Abfolge von Spiegelungen auf einer Unzahl von Farbschichten. Das Spezifische dieser durch einen quasi körperlosen, schwebenden Farbraum gekennzeichneten Leinwände ist die ihnen eingeschriebene vierte Dimension der Zeit, die sich als Spur des Performativen zwischen den mehrfach geschichteten, fragmentierten Ebenen eingeschriebenen hat.

Die neu hinzugekommene plastische Ebene verstärkt das außergewöhnliche Changieren der räumlichen Verhältnisse. Details werden unklarer und bleiben hinter halb-transparenten Folien verborgen. Die Dichotomie von Abstraktion und Körperlichkeit verschwindet in der Verschmelzung von Bild und Objekt, Illusionsraum und Material. Blickt man auf ältere Arbeiten zurück, wird deutlich, dass Michaela Zimmers Arbeiten im Grunde schon immer einen flexiblen und aktiven Betrachter vorausgesetzt haben – jemanden, der sich nicht damit begnügt, linear nach syntaktischen und lexikalischen Regeln zu entziffern, sondern der sich selbst in Beziehung zum Objekt und den von Bewegung und Kraft definierten Zeichen setzt. Die Erweiterung des Bildes um eine zusätzliche objektivierende Ebene ist aus dieser Perspektive schlüssig und folgerichtig.

 

von Kim Savage, 2016

Die unweigerliche Verknüpfung des Sehprozesses mit etwas Intuitivem ist beim Betrachten von Michaela Zimmers Malerei offenkundig. Wir nehmen nicht nur wahr, dass hier Material über Leinwände gehängt ist und Folien um Kanten und Ecken verspannt sind, sondern auch, dass die Arbeiten einen starken Bezug zum Körperlichen haben. Die physikalische Begrenzung, um genau zu sein, der Reichweite der Künstlerin, bestimmt Größe und Dimension der Leinwände und bringt darin einen Bezug zum menschlichen Körper ganz augenscheinlich zum Ausdruck.

Performative Elemente tragen zur Entstehung der Arbeiten bei; malerische Linien mit gebündelter Energie in einem Zug aufgetragen und Reflektionen auf polymorphen Ebenen bilden Oberflächen, die fließend sind und zugleich präzise. Wenn Zimmer über ihre Malerei spricht, reflektiert sie auch ihre Vergangenheit als Performance Künstlerin und die physische und mentale Kondition, aus der konzentrierte Gesten und Bewegungen resultieren. Sie nutzt diese Energie im Atelier als Teil des Entstehungsprozesses der Werke und arbeitet oft an mehreren Bildern gleichzeitig.

Das Körperliche in ihren Arbeiten ist nicht unbedingt ein Aspekt, der uns innerhalb des Dogmas der Diskussion um Abstraktion geläufig wäre. Obwohl ihre Arbeiten eindeutig abstrakt sind, ist das Entscheidende dran, die Art und Weise in der uns die Materialität und Gesten in ihnen dazu einladen, uns auf das Körperliche im bildnerischen Prozess zu konzentrieren: Zimmer präsentiert uns plastische Bedeutung aus der Verknüpfung von eher intuitiven Aspekten des Körpers mit der visuellen Sprache der Abstraktion. Der Raum, den die Werke einnehmen beeinflusst unsere Betrachtung, während die Intervention der verhüllenden Folien, uns dazu zwingt, uns in der Auseinandersetzung mit dem Werk physisch um die Arbeiten herum zu bewegen. Die physische Reaktion auf den temporären Charakter der Oberfläche, die aus den unterschiedlichen Blickwinkeln niemals gleich erscheint, reflektiert so unmittelbar den Entstehungsprozess.